“Das größte Risiko von allen – heute nicht zu tun, was man tun will, weil man glaubt, dass man sich morgen das Recht dazu kaufen kann.”

Unbekannt

Schließlich fand ich ein System, um meine Finanzen unter Kontrolle zu bekommen. Der Wendepunkt war mein Schritt in die Selbstständigkeit. Weil ich oft keine Einkünfte hatte, musste ich im Blick behalten, was alles hinausging. Ich musste reduzieren und vereinfachen. Mein System funktionierte so gut für mich, dass ich jetzt, nach rund fünf Jahren Selbstständigkeit, endlich so etwas wie Ersparnisse habe. Ich hätte nie geglaubt, dass dieser Tag einmal kommen würde. Manchmal logge ich mich bei meinem Bankaccount ein, nur um sie mir anzuschauen. Eigentlich muss ich mein Bankkonto gar nicht mehr ansehen, weil meine Freiheitsformel so gut funktioniert; mein Geld managt sich selbst. Aber es bereitet mir Freude, weshalb ich es dennoch tue.

Das System der Freiheitsformel hat den Zweck, gegen den Lifestyle Creep anzukämpfen. Ziel ist es, unser Einkommen völlig zu vergessen und so zu handeln, als hätte es keinen wesentlichen Einfluss auf die Kernentscheidungen unseres Lebens, also auf Fragen wie die, wo wir leben, wie wir wohnen und wie wir arbeiten. Wie hoch unser Einkommen sein muss, entscheiden wir ganz zuletzt und völlig rational (soweit uns das angesichts unserer vorgegebenen Irrationalität möglich ist), und zwar erst dann, wenn wir unseren Lebensstil analysiert und bilanziert haben. Diese Vorgehensweise ist das genaue Gegenteil von dem, was die meisten Menschen machen – sei es mein Kumpel oder Paul oder mein vergangenes Ich.

Es ist ein scheinbar simples System. Es besteht im Großen und Ganzen darin, eine einzige Zahl zu berechnen. Hier ist meine Freiheitsformel:

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Bevor ich mit diesem System zu arbeiten begann, war ich davon überzeugt, dass ich wusste, wie viel Geld ich jeden Monat wofür ausgab. Erst das Aufzeichnen meiner Ausgaben über mehrere Monate hinweg machte mir klar, wie falsch ich mit meinem Eindruck lag, wo das Geld tatsächlich hinging. Es zeigte mir präzise, wie viel Geld für ungesundes Essen ich ausgab. Wie viel für das Ausgehen mit Freunden. Wie viel mich das Essen bei meinem Lieblingsasiaten kostete. Wie viel ich für Klamotten ausgab. Wie viel meiner monatlichen Ausgaben einfach für Miete draufgingen.

Es ist eine Binsenweisheit, dass man nicht optimieren kann, worüber man keinen Überblick hat. Das Berechnen der Freiheitsformel ist nur der erste Schritt in diesem Prozess. Sobald man seine Ausgaben kennt, kann man besser entscheiden, ob diese Ausgaben gerechtfertigt sind.

In meinem Fall kann man sehen, dass ich, um bei null herauszukommen und nicht meine Ersparnisse angreifen zu müssen, jeden Monat 999,84 € nach Steuern verdienen muss (bei einem Einkommen von 12 000 Euro im Jahr muss man sehr wenig Steuern zahlen, wenn ich mehr verdiene, zahle ich einfach mehr Steuern, insofern macht es keinen großen Unterschied). Wenn ich im Monat 100 € mehr verdiene oder 100 € weniger ausgebe, dann nehmen meine Ersparnisse um 100 € zu. Tritt das Gegenteil ein, dann nehmen sie um 100 € ab. Im Grunde genommen ist es genau so einfach.

Ich verwalte meine Finanzen auf zwei getrennten Konten:

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Das Sparkonto: Mein gesamtes Einkommen geht direkt auf dieses Konto. Ich verwalte es per Online-Banking , habe aber keine Geldkarte dafür.

Das Freiheitsformel­Konto: Das ist mein Alltagskonto. Per Dauerauftrag werden zu Anfang eines jeden Monats 999,84 € von meinem Sparkonto auf dieses Konto überwiesen. Von diesem Geld lebe ich jeden Monat.

Ich habe den mithilfe der Freiheitsformel ermittelten Betrag über mehrere Jahre hinweg optimiert, weshalb er inzwischen ziemlich schlank ist. Er könnte noch niedriger liegen, wahrscheinlich so um die 750 €, doch das würde bedeuten, dass ich Einbußen bei meiner Lebensqualität hinnehmen müsste. Mit 999,84 € ist es OK. Ich weiß das, weil ich jedes Element meiner Lebensführung überprüft habe. 999,84 € scheint für mein Leben in Berlin der optimale Wert zu sein. Es ist der Punkt, an dem ich gut lebe, nicht über Geld nachdenken muss, alles habe, was ich brauche, und nicht zu viele Kompromisse eingehen muss.

Dank meines Systems kann ich jederzeit auf einen Blick sehen, wie viel Geld ich in diesem Monat noch übrig habe. Es reicht ein Blick auf den Saldo meines Girokontos. Wenn ich in den ersten Wochen ein wenig über stil mittlerweile ziemlich stabil ist –, muss ich am Ende ein wenig kürzertreten. Wenn ich in einem Monat nicht alles ausgebe, dann bleibt der Rest auf dem Konto stehen, und ich habe im folgenden Monat etwas mehr Spielraum für Extravaganzen. Außerdem habe ich eine persönliche Liste von F+E-Projekten, Büchern, Kursen und anderen Fortbildungsmöglichkeiten – eine Idee, die ich aus Ramit Sethis Buch I Will Teach You to Be Rich übernommen habe. Manchmal nutze ich übriggebliebenes Geld, um mir Dinge von dieser Liste zu leisten. Und manchmal gebe ich alles für Alkohol und Leckereien aus. Die Entscheidung liegt bei mir.

Natürlich ist es nicht ganz so einfach. Es gibt immer eine gewisse Fluktuation durch unerwartete Ausgaben. Manche sind dringend wie Reparaturen an meinem Fahrrad, Besuche beim Zahnarzt oder Heimflüge aufgrund familiärer Notfälle. Wann immer möglich, versuche ich, diese Dinge von meinem Freiheitsformel-Konto  zu bezahlen und meine Lebensführung in diesem Monat so anzupassen, dass ich diese Zusatzausgaben auffangen kann, was in neun von zehn Fällen gelingt. Wenn das nicht möglich ist, weil die Rechnung einfach zu hoch ist, muss ich notgedrungen und sehr widerwillig gerade genug von meinem Sparkonto überweisen, um das Loch zu stopfen, das die unvorhergesehenen Ausgaben im Budget dieses Monats gerissen haben. Das betrübt mich immer sehr, deshalb gehe ich diesen Schritt nur, wenn ich wirklich dazu gezwungen bin, was vielleicht einmal im Jahr vorkommt.

Ansonsten tätige ich große Käufe, die nicht dringlich sind, am Ende des Jahres. Dann kann ich mit einem Blick auf mein Sparkonto besser entscheiden, ob meine Ersparnisse im Laufe des Jahres genug angewachsen sind, um eine große einmalige Ausgabe wie einen Winterurlaub oder einen neuen Laptop zu rechtfertigen, oder auch, wie viel von meinem Geld ich in diesem Jahr in meine Altersvorsorge stecken sollte. Da ich bereits mehr Klamotten besitze, als ich brauche, beschränke ich mich in der Regel auf eine kurze Einkaufstour während des Schlussverkaufs im Januar und sorge dafür, dass ich für den Rest des Jahres eingedeckt bin. Wenn ich mich zum Kauf eines Luxusartikels entschließe, dann geschieht das nur, nachdem ich zuerst mein Sparkonto konsultiert habe. Außerdem bezahle ich alle meine größeren Anschaffungen auf einmal, da Ratenzahlung mit meinem sporadischen Einkommen nicht vereinbar ist.

Ich habe mental akzeptiert, dass bei jemandem, der wie ich seit rund sechs Jahren keinen regelmäßigen Bürojob hatte, das Einkommen immer schwanken wird. Temporäre, freiberufliche und selbstständige Beschäftigungen werden zunehmend die Norm, deshalb wird das auch für viele von Ihnen  gelten.  Darum  brauchen  wir  einfache  Messgrößen,  die  es uns erlauben, unsere finanzielle Lage zu bewerten und auf dieser Grundlage zu entscheiden, wie viel wir arbeiten müssen und welches Einkommen wir uns erlauben können. Mein Einkommen kann schwanken, doch meine Ausgaben können es nicht. Je weniger Kontrolle wir darüber haben, wann Geld hereinkommt, umso strikter muss die Kontrolle darüber sein, was hinausgeht. Das ist der Grund, warum ich das Freiheitsformel-System für so nützlich halte.

Die Lifestyle Burn Rate

Auf den ersten Blick scheint es keinen wirklichen Sicherheitsmechanismus zu geben, der einen daran hindert, regelmäßig Geld von seinem Sparkonto zu entnehmen, um Löcher im Freiheitsformel-Konto  zu stopfen, doch dieser Eindruck täuscht. Man entwickelt nämlich mit der Zeit eine emotionale Bindung zu dem Betrag auf seinem Sparkonto. Es schmerzt zu sehen, wenn er abnimmt. Der Hauptgrund für diese Reaktion ist die Tatsache, etwas hat, das ich meine Lifestyle Burn Rate nenne. Diese und meine Freiheitsformel sind die einzigen finanziellen Messgrößen, die mir wichtig sind. Sie sind mein Wasser und meine Luft.

Die Lifestyle Burn Rate ist so wichtig, weil ich absolut keine Lust habe, wieder als Vollzeit-Angestellter zu arbeiten. Ich halte dieses Konzept für ziemlich überholt. Ein Rückgriff auf die vergangene Ära der physischen Arbeit. Die Art von Arbeit, die die meisten Menschen heute tun, ist dagegen mit größeren mentalen Herausforderungen verbunden, was bedeutet, dass wir im Idealfall vielleicht vier Stunden pro Tag wirklich produktiv arbeiten können. Da wir aber vertraglich verpflichtet sind, acht Stunden lang anwesend zu sein, verbringen wir die restliche Zeit damit, E-Mails hin und her zu schicken, beschäftigt auszusehen und die Stunden herunterzuzählen, bis wir endlich nach Hause gehen dürfen.

Und genau das ist es, was meine Lifestyle Burn Rate mir zeigt.

Mithilfe der Freiheitsformel lässt sich die Lifestyle Burn Rate auf ganz einfache Weise berechnen:

Vorhandene Ersparnisse : Freiheitsformel = Lifestyle Burn Rate (in Anzahl der Freiheitsmonate)

Angenommen, ich habe 20 000 € auf meinem Sparkonto und meine derzeitige Freiheitsformel liegt bei 999,84 €. Dann lautet die Rechnung:

20 000 € : 999,84 € = 20,28 Monate Freiheit

Das ist, um eine umgangssprachliche  Wendung  zu gebrauchen,  mein

«Leckt-mich-Geld». Die Antwort auf die Frage, wie viele Monate ich Zeit habe, bis ich zu Büroarbeit  und Festanstellung  zurückkehren  muss. In meinem Fall, in meinem Alter und da ich keine Familie unterhalten muss, ist das die einzige wirklich relevante Messlatte für meine finanzielle Gesundheit. In diesem Beispiel hätte ich 20,28 Monate Freiheit.

Jene beiden Zahlen zu kennen, ist aus zwei Gründen großartig:

  1. Jeder Euro, um den ich den monatlichen Betrag meiner Freiheitsformel senken kann, verringert meine Lifestyle Burn Rate, das heißt, die Anzahl der Monate in Freiheit steigt.
  2. Das genaue Wissen, wie lange meine Ersparnisse reichen, hilft mir zu entscheiden, welche Aufträge ich annehmen will und welche nicht.

Vielleicht bevorzugen Sie persönlich die Sicherheit und Strukturiertheit in einem traditionellen Angestelltenverhältnis. Das ist völlig in Ordnung. Jeder Mensch ist anders – und die Freiheitsformel kann trotzdem nützlich für Sie sein. Denn sie kann Ihnen zeigen, wie viel Geld Sie jeden Monat sparen können (Einkommen nach Steuern – Freiheitsformel). Wenn man Ihnen wie Paul eine Beförderung oder einen neuen Job anbietet, dann sind Sie besser in der Lage, eine Entscheidung zu treffen, wenn Sie Ihre Freiheitsformel und Ihre Lifestyle Burn Rate kennen. Ist das Geld die zusätzliche Verantwortung wert, um welchen Betrag werden Ihre monatlichen/ jährlichen Ersparnisse zunehmen? Wenn Sie schon mit Ihrem derzeitigen Lohn jeden Monat genug sparen und ordentlich Rücklagen haben, könnte Ihnen das das nötige Selbstvertrauen geben, um Nein zu sagen – mir gefällt es auf meiner derzeitigen Position … danke, ich brauche keinen zusätzlichen Stress.

Effizienz in einigen Bereichen erlaubt Ineffizienz in anderen

Weil ich ein überzeugter Selbstständiger bin und hart dafür gearbeitet habe, meine Freiheitsformel so weit wie möglich zu drücken, ist mir bewusst, dass ich zwar in manchen Bereichen meines Lebens genügsam sein muss, doch dass ich dafür in anderen absolut verschwenderisch sein kann. Angenommen, Sie sind derzeit vollzeitbeschäftigt, dann sind Sie wahrscheinlich Geld­reich und Zeit­arm. Das ist Ihre Entscheidung. Ich persönlich ziehe es vor, Zeit­reich und Geld­arm zu sein, zumindest solange ein gewisser Mindeststandard gewährt ist.

Nach meiner Erfahrung ist Zeit oberhalb eines gewissen Komfortlevels weitaus wertvoller als Geld. So bin ich zwar gezwungen, mein Geld effizient zu nutzen, doch dafür habe ich den Luxus, dass ich mit meiner Zeit ineffizient sein kann. Ich bin im Übrigen davon überzeugt, dass Zeit nicht immer gleich wertvoll ist. Ich glaube, sie ist viel wertvoller, wenn man jung ist. Wenn man jung ist, ist man gesund, furchtlos, hat kaum Verpflichtungen und daher die größten Chancen. Selbst wenn ich bis 15 Minuten vor meinem Tod arbeiten muss, werde ich es mit Freuden tun. Doch meine Zwanziger waren eine Zeit für Spaß und Experimente – ebenso wie es der Rest meiner Dreißiger sein wird. Dies ist wahrscheinlich die beste und am wenigsten von Verpflichtungen eingeschränkte Zeit meines Lebens. Soweit es sich irgendwie vermeiden lässt, werde ich sie nicht mit Arbeiten verbringen, es sei denn, ich arbeite in meinem eigenen Unternehmen oder in einem Projekt, das ich wirklich aufregend finde und bei dem ich der Chef bin.